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Dank, dank, Geliebter, hatte Moritz gesagt, als würden die Worte nichts weiter als ihren Kern bedeuten. Denn auch wenn es nur eine Erscheinung war – jetzt, wo Melchior wieder bei Sinnen ist, erkennt er das –, so war es im Grunde doch sein Kindheitsfreund, der dort gesprochen hatte. Er bildet sich ein, Moritz gut genug zu kennen, um ihn selbst in seinen Wahnvorstellungen akkurat abzubilden.
Geliebter – einzig und allein dieses Wort – als Substantiv, nicht als Adjektiv – hatte Moritz verwendet. Nicht geliebter Melchior, nicht geliebter Freund, sondern einzig Geliebter, mit einer Finalität, die Melchior erschaudern ließ. Nicht nur, weil es ohne Zweifel ein Abschied gewesen war, sondern weil er diesem Wort so viel Bedeutung zugemessen hat, dass Melchior es kaum verstehen kann.
Wäre es eine andere Situation gewesen, in jeglichen anderen Kontext, hätte er es gewiss sofort bemerkt. Dann hätte er Moritz fragen können, ob er sich überhaupt dessen bewusst ist, was er da spricht. Nicht, weil er seinen Freund für dumm hält, sondern weil es ein Satz ist, der im Zuge des Augenblicks gefallen ist. Dieser– dieser Kosename, er könnte der Emotionalität des Moments entsprungen sein, nichts weiter.
Und doch kann Melchior nicht davon ablassen, über dieses eine Wort nachzudenken. Als wäre es das Wasser, nach dem sich seine Kehle sehnt, nur um an dem ersten Schluck zu ertrinken – so fühlt es sich an, wenn er an all das denkt, was zwischen ihm und Moritz vorgefallen ist. Wenn er an ihre Freundschaft zurückdenkt und seine eigene Blindheit dem gegenüber, was Moritz schließlich zu seiner finalen Entscheidung getrieben hat.
Statt seinem Gefährten beizustehen, war Melchior blind für seine Sorgen. Weil sie für ihn selbst so unvorstellbar waren. Moritz’ Furcht vor seinem Vater, davor zu versagen… Das sind Gedanken, die Melchior vollends fremd sind. Darum hat er sie abgetan, als wären sie nichts. Dabei waren sie doch alles für Moritz.
Und dennoch nannte Moritz ihn Geliebter, als wäre nichts vorgefallen, als würde Melchior dieses Attribut immer noch verdienen. Sich selbst ein Ende zu setzen, würde nichts ändern, das weiß er jetzt. Doch denkt er trotzdem darüber nach – nicht nur wegen der Schuldgefühle, die er Moritz und Wendla gegenüber empfindet, sondern schlichtweg, weil er sie vermisst. Besonders Moritz, der in jedem Augenblick an seiner Seite gestanden hatte, der zwar anfangs so wirken mochte, als würde er jedes Wort glauben, das über Melchiors Lippen kommt, und sie doch alle hinterfragte. Der Melchior dazu brachte, wirklich über seine Aussagen nachzusinnen, sich selbst zu hinterfragen, und das herunterzubrechen, was für ihn so einleuchtend erschien. Moritz, der nach dem Unterricht auf ihn wartete, der Unternehmungen vorschlug – zwar als Ausflucht, um dem Lernen zu entkommen, aber doch auch als wunderbaren Zeitvertreib.
Auch er hatte Moritz geliebt. Mehr als einen Freund, mehr als einen Bruder. Als Moritz ihn fragte – über Genitalien, über Küsse, über den Geschlechtsverkehr… Melchior würde lügen, wenn er behauptete, dass er damals nicht zurück gedacht hatte an eine Unterhaltung, die er mit Hänschen Rilow geführt hatte. Darüber, wie es wohl wäre, die Hand eines anderen Jungen auf sich zu spüren, sich von jemandem berühren zu lassen, der weiß, wie es sich anfühlen muss. Als Hänschen das Thema angestoßen hatte – um damit anzugeben, dass seine Überlegungen weiter gingen als Melchiors, als wäre es ein Zeichen von Intelligenz –, hatte er es als Schwachsinn abgetan. Und doch hatten die Gedanken an ihm genagt.
Hätte er es wirklich austesten wollen, seine Wahl wäre auf Moritz gefallen. Nicht, weil Moritz dieses ungestillte Interesse an dem gesamten Thema deutlich machte, sondern weil er Moritz vertrauen konnte. Dass er nicht nur vorsichtig, sondern umsichtig gewesen wäre, dass er nichts verraten hätte und– dass sie es jederzeit hätten wiederholen können, hätte es ihnen gefallen. So wie er Wendla unter sich gespürt hatte… Gewiss hätte Moritz sich genauso schön angefühlt, nicht so weich, aber genauso vertraut – vielleicht sogar noch mehr.
Geliebter… Es wäre nicht das erste Wort gewesen, hätte man ihn nach Moritz gefragt, doch jetzt erkennt er: Es ist das einzig Richtige.
