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Das Tigerauge

Chapter 29: Kapitel 29: Die Zellengenossen

Summary:

Was bisher geschah: Justus und Mr Wedlington sind verschwunden, Peter und Bob haben sie gesucht. Bob wurde von Ben entführt und landet in einem Keller, wo schon Justus, Mr Wedlington und Annalise Blumenthal festsitzen.

Next up: Ein paar Zusammenhänge klären sich auf, aber manches bleibt auch noch unklar, weil sonst wäre es ja langweilig :) Aber dieses Kapitel enthält sehr viel foreshadowing ;)

Notes:

Puh, Leutis, ganz ehrlich, dieses Kapitel war eine schwere Geburt. Kind flasch herum im Geburtskanal (seitwärts), Nabelschnur um den Hals gewickelt, volles Programm. Irgendwie wollte es nicht fließen. Vielleicht wird das nächste wieder leichter.
Liege auf jeden Fall diese Woche krank im Bett, also vielleicht hab ich Zeit, schneller weiterzuschreiben ;)

(See the end of the chapter for more notes.)

Chapter Text

„Just, geht’s euch gut?“

Der erste Detektiv saß mit großen Augen gegen die Wand gelehnt und starrte in Bobs Richtung. Von Bobs Frage aus den Gedanken gerissen grummelte er ein wenig. „Geht schon.“ Er adjustierte seine Sitzposition. „Echt ungemütlich der Boden hier, aber ich bin ja noch nicht lange hier.“

Unweigerlich schweifte Bobs Blick von Justus über Mr Wedlington zu Annalise Blumenthal herüber. Sie musste da schon etwas länger sitzen. Aber dafür, dass sie seit vermutlich fünf Tagen nicht ihre Klamotten hatte wechseln können, sah sie eigentlich noch recht gepflegt aus. Sie trug eine Bluse und eine Anzughose und ihre Haare waren in einem einigermaßen verzottelten französischen Zopf.

„Da in der Ecke ist ein Badezimmer“, kommentierte sie sein Starren.

Bob presste die Lippen zusammen und wandte seinen Blick von ihr ab.

„Darin gibt es eine funktionale Toilette und ein Waschbecken mit Seife“, ergänzte Justus.

„Na immerhin“, sagte Bob. Was sollte er auch sonst sagen?

Es war irgendwie eine unangenehme Situation. Er fragte sich, wie lange er es wohl hier aushalten würde müssen. Wenn Ms Blumenthal hier schon so lange festsaß, würde Ben wohl auch nicht davor zurückschrecken, sie alle hier noch weiterhin gefangen zu halten.

„Wurde dir auch dein Handy abgenommen?“, fragte Justus jetzt.

Bob nickte.

„Und wo ist Peter?“

„Keine Ahnung“, sagte Bob. „Hoffentlich noch auf freiem Fuß. Er war nochmal zurück zum Auto gelaufen, um sich andere Schuhe anzuziehen. Vielleicht kam er noch rechtzeitig wieder zurück, um zu sehen, wie Ben mich abgeführt hat. Dann hat er vielleicht mittlerweile Cotta Bescheid gesagt, wo sie uns suchen müssen, und können nach Ben und seinem Auto suchen.“

„Gut.“

Sie schwiegen. Bob setzte sich ebenfalls an die Wand, an der auch die anderen Gefangenen saßen. Es war ein finsterer Raum. Nur ein einzelnes vergittertes Kellerfenster gab ihnen Licht. Einen Lichtschalter für die Neonröhren über ihnen gab es nicht. Es war kühl, aber nicht kalt. Und es war still. Völlig still. Bob hatte so viele Fragen, aber er war sich nicht sicher, ob er sie jetzt schon alle stellen sollte. Sicherlich hatte Ms Blumenthal Justus und Mr Wedlington schon einmal die ganze Geschichte erzählt. Bestimmt wollte sie das jetzt nicht nochmal alles wiederholen.

„Was mich nicht loslässt, ist dieses wirklich eigentümliche Gespräch“, durchbrach Justus schließlich die Stille wieder.

„Welches Gespräch?“, fragte Bob.

„Na das gerade eben. Als Ben unbedingt wissen wollte, ob du Peter betrogen hast. Ist das nicht sonderbar?“

„Hm“, machte Bob. Es war tatsächlich sonderbar gewesen. Die ganze Situation war sonderbar gewesen. Alles an dieser Situation war skurril. Was hatte Ben mit ihnen vor? Wollte er sie hier versauern lassen? Anscheinend brachte er ja seinen Gefangenen regelmäßig Essen – den belegten Broten nach zu urteilen, die hier standen. Wenn sie hier eine Gefahr für seine komische Sippe waren, warum räumte er sie nicht gleich ganz aus dem Weg?

„Er brauchte einen Grund, dich zu hassen“, sagte jetzt Annalise Blumenthal leise.

„Wie meinen Sie das?“

„Ben ist eigentlich so nicht. Zumindest nicht so, wie ich ihn kenne. Ich denke, ihm wurde irgendwas über uns erzählt, weshalb er es für gerechtfertigt hält, uns für das Tigerauge gefangen zu nehmen.“

„…und jetzt bilden sich vielleicht für ihn langsam Löcher in dem Bild, das er von uns hat“, murmelte Justus. „Vielleicht weil er einen Bezug zu dir hat. Deshalb hakt er nach. Er will überprüfen, ob du wirklich so schlimm bist, wie ihm gesagt wurde, weil er eigentlich sonst nichts Grifffestes gegen dich in der Hand hat.“

„Gut möglich“, sinnierte Bob. „Wir haben uns ja auch gut unterhalten letzte Woche – wenn auch nur kurz. Ich hatte zu dem Zeitpunkt das Gefühl, wir würden uns eigentlich gut verstehen.“

„Das könnte ein guter Punkt sein, der uns möglicherweise nützlich werden könnte. Wenn er eigentlich nur schlechte Menschen bestrafen will, dann macht ihn das verwundbar. Vielleicht ist er nicht nur ein blinder Nachfolger, sondern jemand, der auch hinterfragt, was er da tut.“

Bob lachte etwas gequält. „Ich weiß ja nicht. Der Ben, dem ich da gerade im Wald begegnet bin, war ein völlig anderer Mensch. Das war eine ganz andere Seite. Total kalt und berechnend. Und geübt war er auch. Die Waffe in seiner Hand wirkte viel zu gewohnt und entspannt.“

Ms Blumenthal presste die Lippen zusammen und schnaubte durch die Nase. „Rick hat ihm das Schießen beigebracht. Das war so ein richtiges Ding. Er ist so etwas wie sein Patenonkel oder so. Ein drittes Elternteil. Die beiden waren schon zusammen auf Schießständen, da konnte Ben gerade mal über den Tresen gucken.“

„Das ist auch ein Teil der US-Amerikanischen Kultur, der mir noch nie so ganz eingeleuchtet hat“, sagte Bob.

„Die vom Tigerauge haben fast alle Waffen“, erklärte Ms Blumenthal. „Ich habe auch schon als Jugendliche gelernt, damit umzugehen. Ich würde meinen kleinen Finger darauf verwetten, dass ich auch jetzt noch die Mitte der Zielscheibe treffen würde, selbst wenn du mich nachts um drei aus dem Bett zerrst und auf den Schießstand stellst. Das ist alles Teil des Programms, wenn du zum Tigerauge gehörst.“

„Deshalb sollte man bei diesen Leuten immer eine schusssichere Weste tragen“, warf nun Mr Wedlington wieder ein.

Bob nickte leise. Vermutlich hatte der Kerl wirklich den richtigen Riecher gehabt mit seiner Übervorsicht. Er war froh, dass er seine Weste anhatte und dass Ben sie vermutlich nicht bemerkt hatte eben gerade. Etwas umständlich ruckelte er sie zurecht.

„Okay, Erster, aber was denkst du denn, was uns das bringt, dass Ben vielleicht unter der harten Fassade ein netterer Mensch ist? Er hat ja immer noch vier Leute entführt.“

„Je nachdem, mit welchen Mitteln ihn das Tigerauge dazu gebracht hat, könnte er unter Jugendstrafrecht noch glimpflich davonkommen – vor allem, wenn er so eine intensive Gehirnwäsche erhalten hat, wie ich es vermute. Ich frage mich, ob jemand anders bei ihm die Fäden zieht.“

„So wie ich ihn kenne, würde ich das vermuten“, bestätigte Ms Blumenthal. „Ben ist eigentlich ein herzenslieber Kerl, der einfach das Pech hatte, in dieser Hölle hier groß zu werden. Das Tigerauge hat ihn irgendwie in der Hand, denke ich.“

„Hm“, machte Justus.

Bob wusste nicht so recht, was er über das alles denken sollte. Ben hatte immerhin mittlerweile vier Leute in Gefangenschaft. Ganz so unschuldig konnte er definitiv nicht sein. Aber gleichzeitig stellte sich natürlich die Frage, zu was man alles fähig wurde, wenn man in einer Sekte wie dieser hier großwurde. Wenn das Hantieren mit Waffen einem quasi in die Wiege gelegt wurde, schreckte man vielleicht nicht ganz so schnell davor zurück, eine zu benutzen. Wer wusste schon, was diese Leute ihm von klein auf eingeredet hatten? Wenn das hier seine ganze Welt war, war es vermutlich ein harter Kampf, sich davon abzulösen – vor allem, wenn man noch aufs College ging und finanziell von seinen Eltern abhängig war.

Bob dachte wieder an die Stiefmütterchen. Zum Glück waren die vermuteten Morde – die Sache im Maisfeld und die Sache mit Lilly – alle schon so lange her. Dass Ben etwas mit ihnen zu tun gehabt hatte, war wirklich unwahrscheinlich. Vielleicht würde er noch glimpflich davonkommen, wenn er doch nicht so schlimm war, wie es gerade schien. Aber er studierte Jura, oder? Wenn er sich nun so strafbar gemacht hatte, würde das sicherlich nicht gut für seine Karriere sein. Wie idiotisch war dieser Kerl auch? Da musste er doch selbst mal drüber nachgedacht haben, oder nicht?

Aber es gab auch einfach noch so viele Dinge, die Bob nicht wusste. Und langsam brannten ihm echt einige Fragen unter den Nägeln.

„Sag mal Justus, hast du eigentlich irgendwas gefunden, bevor ihr von Ben entführt wurdet? Wie weit bist du gekommen?“

„Nicht wirklich weit.“

„Hm“, machte Bob. „Und warum bist du einfach ohne uns los? Das verstehe ich nicht. Peter und ich hatten genauso sehr das Gefühl, dass wir das Ganze noch nicht abhaken konnten. Du hättest uns einfach nur fragen müssen.“

Justus zog die Augenbrauen nach oben. „Naja, ich habe mit Mr Wedlington telefoniert und er hat mir erklärt, dass Tony irgendwann mal zu einer Beerdigung musste, die etwas weiter weg stattfand.“

„Sie ist nach Alabama geflogen“, warf der ältere Mann ein. „Mit der ganzen Sippe. Und das war irgendeine Person, die eigentlich von hier kam und dort nur auf Geschäftsreise war. Und dann habe ich sie dazu ausgefragt und sie hat mir erklärt, dass man die Seelen nicht dort wegreißen darf, wo sie entschieden haben, in die Natur zurückzukehren.“

Annalise Blumenthal nickte. „Das ist tatsächlich Teil des Tigerauge-Glaubens.“

„Dementsprechend habe ich die Vermutung angestellt, dass wir in der Nähe der damaligen Unfallstelle, an der Liliane Fields vermutlich verstorben ist, irgendwo ein Grab mit Stiefmütterchen finden könnten“, erklärte Justus nun weiter. „Aber ich wusste nicht, wo das ist. Das Maisfeld allerdings war in Mr Wedlingtons Notizen vermerkt. Ergo…“

„Jaja, ich hab’s verstanden. Vermutlich hast du damit ja auch recht behalten. Ich habe die Stiefmütterchen dort auch gesehen. Aber warum hast du Peter und mich nicht mitgenommen?“

Justus machte einen gequälten Gesichtsausdruck. „Naja, ich stand schon vor eurer Tür und war auch schon kurz davor zu klopfen, aber…“, druckste er.

Verwirrt legte Bob seinen Kopf schief. „Aber?“

„Naja, ich stand da und dann habe ich Geräusche gehört und ich dachte, naja…“

„Ehm…“, fing Bob an und überlegte. Und dann verstand er es. „Oh.“

Justus zuckte mit den Schultern.

Bob lachte und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Es war wirklich bescheuert. „Justus, ganz ehrlich, dann hättest du vielleicht einfach eine halbe Stunde warten müssen?“

Justus hob verteidigend seine Hände. „Woher soll ich denn wissen, wie lange ihr dafür braucht?“ Immerhin lachte er jetzt auch.

Bob ließ seinen Kopf gegen die Wand fallen und sah, immer noch lachend, den knallroten ersten Detektiv an. Es war irgendwie süß, wie er sie nicht hatte stören wollen. Aber als Resultat dessen war er entführt worden. Das war nun wirklich auch nicht die beste Lösung.

Bob versuchte, sich wieder zu fassen. „Okay, also und dann hast du Mr Wedlington angerufen und bist mit ihm los?“

„Ja. Ich habe ihn bei sich zu Hause abgeholt und dann sind wir zu dem Maisfeld gefahren – das es übrigens nicht mehr gibt.“ Justus schien froh zu sein, wieder über den Fall reden zu können. Das Ganze schien ihm sehr unangenehm gewesen zu sein.

„Ja, das mussten wir auch feststellen. Nur noch Matsch und Gestrüpp.“

„Genau. Und von dort sind wir dann landeinwärts gelaufen. Ich hatte gerade zwischen den Sträuchern etwas Gelbes hervorschimmern sehen, da tauchte plötzlich Ben auf. Aber ich würde mal vermuten, dass er uns von vornherein verfolgt hat. Oder unsere Autos mit Peilsendern ausgestattet hat. Wie hätte er sonst ahnen können, wo er uns finden würde?“

Bob nickte. „Oder sie haben unser Zimmer verwanzt und wussten deshalb, wo du hinwolltest.“

„Auch möglich. Rick hat doch Kontakt zu irgendjemandem in der Wohnheimsverwaltung. Erinnerst du dich?“

Ja, das hatte Tony gesagt. Das stimmte. Auch wenn es vermutlich besser war, in Mr Wedlingtons Gegenwart nicht davon zu sprechen, dass sie Kontakt zu Tony hatten. Er wusste schließlich noch nicht, dass sie noch lebte und in Nevada ihren gemeinsamen Sohn großgezogen hatte.

Bob nickte wieder. „Aber bisher gehen wir doch eigentlich davon aus, dass Rick eher auf unserer Seite ist, oder? Also zumindest in dem Rahmen, wie er kann, wenn er immer noch an das Tigerauge glaubt.“

„Das denkt ihr doch nicht wirklich, oder?“ Annalise Blumenthal hatte ihre Worte sehr nüchtern und trocken ausgespuckt.

Bob sah herüber zu der zierlichen Frau. Sie hatte einen finsteren Blick im Gesicht.

„Ist er etwa doch das Tigerauge?“, fragte Bob.

Ms Blumenthal lachte. „Nein, natürlich nicht. Aber ich denke manchmal er wäre es gerne. Der Typ ist unberechenbar und niemand, um den man sich gern aufhält.“

Bob schluckte. Es machte ja irgendwie Sinn. Schon ganz zu Beginn, als er Justus gezwungen hatte, mit der schusssicheren Weste in den See zu springen, war eigentlich schon klar gewesen, dass dieser Kerl kein angenehmer Zeitgenosse sein konnte.

„Können Sie uns denn sagen, wer dann tatsächlich das Tigerauge ist?“

Sie lächelte gepresst. „Du kannst mich auch gerne duzen, wenn du willst. Ihr seid ja jetzt meine Zellengenossen, da müssen wir wirklich nicht so förmlich sein, oder? Ich bin Annalise.“

Bob nickte.

„Ich habe es Justus und Arwin hier schon erzählt. Das Tigerauge ist Kaitlyn Gilberts.“

Bob überlegte. Eigentlich ergab es Sinn, wenn er so darüber nachdachte. Am Freitag hatte Tony „die Gilberts“ gesagt. Er hatte vermutet, sie würde die beiden meinen. Aber sie meinte nur Kaitlyn. Es war die ganze Zeit Kaitlyn gewesen. Nur hatten sie sie nie observiert oder überhaupt auch nur interagiert – was ja auch schlau war, so viele Waffen wie die Frau hatte. Aber waren sie die ganze Zeit wirklich so sehr im Dunkeln getappt?

„Wir dachten immer, es wäre Fred Gilberts, ihr Mann.“

Annalise lachte. „Fred ist ne Flachpfeiffe. Ich denke, der könnte nicht mal ausrechnen, wie viel Geld er beim Bäcker zurückbekommt, geschweige denn eine Sekte leiten.“

„Aber so viele Grundstücke und Briefkastenfirmen in Calabasas laufen auf seinen Namen“, erwiderte Bob.

„Das hat sie clever gelöst, oder? Alles, was irgendwie mit krummen Geschäften zu tun hat, lässt sie über ihn laufen. Damit ist sie schön aus dem Schneider. Das einzige Haus, was ihr tatsächlich offiziell gehört, ist das, in dem wir gerade sitzen. Das benutzt sie eigentlich nur als Gästehaus.“

Bob verengte seine Augen. „Was, ernsthaft? Aber dann ist es doch total unvorsichtig, uns hier sitzen zu lassen. Wenn uns jemand hier findet, war ihre ganze Geheimniskrämerei umsonst.“

Annalise zuckte mit den Schultern.

„Und wie kommt es, dass du jetzt hier sitzt? Du bist doch schon vor Monaten aus der Sekte ausgetreten, oder nicht? Warum haben sie dich ausgerechnet jetzt entführt?“ Die Frage hatte Bob schon die ganze Zeit unter den Nägeln gebrannt.

„Irgendwie muss das Tigerauge herausgefunden haben, dass ich an die Presse gehen wollte. Ich habe erst einen Drohbrief bekommen – vom Tigerauge persönlich – und dann zwei Tage später stand Ben plötzlich in meinem Wohnzimmer und hat mich gefesselt und mitgenommen.“

Bob überlegte. Vom Tigerauge persönlich… Das hatten sie doch schonmal gehört, oder?

„Es ist alles so idiotisch.“ Frustriert lehnte Annalise ihren Kopf gegen die Wand. „Endlich war ich aus dem Laden raus, hab seit Jahren mal wieder eine ernsthafte Beziehung und dann muss ich mich doch wieder in die Scheiße reiten. Ich hätte es einfach darauf beruhen lassen sollen, statt zu versuchen, die Heldin zu spielen und den Laden aufzulösen.“ Sie schaute die drei Männer an und überlegte kurz. Dann sprach sie etwas ruhiger weiter. „Ich hab nur einfach so viele Leute im Kopf, für die ich das machen wollte. So Leute wie Ben. Ich habe immer gedacht, der Junge hat so viel Potenzial. Er könnte so viel großartigere Dinge erreichen im Leben, als in die Fußstapfen seiner Eltern zu treten. Wie soll er jemals seinen eigenen Weg gehen, wenn die Gilberts jeden seiner Schritte überwacht? Es ist so frustrierend. Er war immer klug und hatte das Herz am rechten Fleck. Er könnte so viel mehr aus sich machen. Stattdessen stellt er sein ganzes Leben bereit für eine riesige Maskerade.“

„Wie kommt es denn, dass du für dich erkannt hast, dass es alles Maskerade ist?“, fragte Bob leise.

„Meine Freundin“, sagte Annalise mit einem vorsichtigen Lächeln. „Ich habe sie vor einem Jahr kennengelernt und es hat sofort gefunkt. Es hat natürlich nicht lang gedauert, bis sie gemerkt hat, in was für einer eigenartigen Lebenssituation ich da stecke. Irgendwann war sie bei mir und Kaitlyn ist zufällig vorbeigekommen. Sie ist total ausgerastet, sagte irgendwas davon, dass meine Freundin die falsche Energie hat, und wollte, dass ich sie wegschicke. Ich habe mich geweigert. Ich hatte das Ganze schon einmal durch gemacht. Ich wollte nicht noch einmal die Chance auf eine glückliche Beziehung für diese Schreckschraube aufgeben. Es kam zum Streit, ich habe meine Sachen gepackt und bin gegangen. Seitdem versuche ich mit viel Therapie und Reflexion irgendwie zu entknoten, was ich mir da mein Leben lang angetan habe.“

„Wow“, sagte Bob. „Ganz schön stark, dass du den Schritt gegangen bist.“

Annalise zuckte mit den Schultern. „Naja, ich hätte am liebsten dafür gesorgt, dass ich nicht die Einzige bin, die schnallt, was abgeht. Ich hätte gern anderen auch noch die Chance gegeben, zu merken, dass das Tigerauge nicht alles ist im Leben. Ich hätte gern was verändert. Deshalb bin ich ja mit Pit in Kontakt getreten.“

„Naja“, lenkte Justus ein, „der Stein ist jetzt im Rollen. Die Polizei weiß Bescheid über den ganzen Betrug und alles andere wird vermutlich auch demnächst rauskommen. Ich weiß nicht, ob Kaitlyn Gilberts ins Gefängnis kommt, oder ob Leute aufhören, an ihre Macht zu glauben, aber es wird sich definitiv einiges verändern hier.“

„Hoffen wir’s“, seufzte Annalise.

Notes:

Und? Habt ihr schon raus, was tatsächlich hinter den Kulissen passiert ist?